Zwischen Märchen, Posse und Traktat

Neben der Kleinen Nachtmusik ist Die Zauberflöte das vielleicht bekannteste Werk Mozarts. Es ist Märchen, Posse, Liebesgeschichte und philosophisches Traktat zugleich. Genauso vielfältig sind die Figuren und Musiken, die uns die Oper präsentiert. Für die neue Schweriner Zauberflöte begibt sich das Regieteam gemeinsam mit dem Publikum auf die Suche nach den verbindenden, lebensrettenden Kräften, die uns die Musik dieses rätselhaften Werkes verspricht

von Philipp Amelungsen, Martin G. Berger und Linus Lutz

„Der Wiedehopf, der Wiedehopf verliert den Kopf samt Fiederschopf. Fidirallala, fidirallala, fidirallalalala. Der Star ruft aus dem Käfig raus: ,Ich bin ein Star, holt mich hier raus!‘ Fidirallala, fidirallala, fidirallalalala.“ Und während wir uns nicht sicher sind, was wir von Bodo Wartkes durch Youtube geisternder Verballhornung der Vogelhochzeit halten sollen – zu derb und banal oder doch ganz lustig? –, ist klar: Damit, dass Wartke das Ganze in seine Version von Papagenos bekannter Vogelfänger-Arie einbaut, trifft er den Nagel, oder eben den Vogel, auf den Kopf. Papageno ist ganz Volkstheater, mit der ganzen Spontaneität und Respektlosigkeit, die kleine Abzweigungen von der geglaubten Vorgabe zum Wesen der Figur werden lassen.

 

Bereits zu Beginn des großen Repertoireklassikers Die Zauberflöte steht also eine Figur auf der Bühne, der wir jeglichen Klamauk zutrauen, und der unsere Sympathie nicht nur deshalb gilt: Ein Mensch, der ganz direkt ist, mit den anderen und mit sich. Und das im völligen Kontrast zum sonstigen Personal. Da ist Tamino, ein Prinz, der sich in Bilder verliebt. Der stets predigende Sarastro, in dessen Männerclub man nur mit Standhaftigkeit, Duldsamkeit und Verschwiegenheit hineindarf. Die Königin der Nacht, die in absolut atemberaubenden Koloraturen Drohungen ausstößt. Und Pamina, die Gefangene, die den schwächelnden Retter Tamino emotional erpresst mit ihrer herzzerreißenden Arie „Ach, ich fühl’s“.

 

An Papageno prallen diese Figuren mit ihrem heiligen Ernst das ganze Stück über ab, und vielleicht kommt es daher, dass dieser doch ziemlich düstere Stoff vielen als „Märchen von der Zauberflöte“ in Erinnerung ist, so betitelt in einem Schweriner Programmheft von 1991, das wir im Keller einer langjährigen Abonnentin ausgraben durften. Operndirektor Martin G. Berger hat noch eine andere Theorie – er schickt sie per Sprachnachricht, während er in der Führerscheinstelle nahe der einzigen Steckdose auf dem Boden sitzt, maximal weit entfernt von Märchenhaftem also: „Die Zauberflöte ist, denke ich, auch insofern ein Märchen, als sie tief im Bewusstsein der Leute verankert ist, mit Magie und metaphorischen Figuren spielt, sich um urmenschliche Themen dreht und dabei extrem unterschiedlich interpretierbar ist.“ Regisseur Martin Mutschler gibt auf einer ausgedehnten Sommerreise telefonisch zu, der Oper ihren Wunsch, Märchen zu sein, nicht ganz abzunehmen. Aber vermutlich ist das ein Streit um Worte, ist es doch dieser Martin, der immer wieder mit phantastischem Ernst auf die überlebensgroße, buchstäblich lebensrettende Kraft dieser Musik besteht.

Die Königin der Nacht in der Schweriner Fassung der Zauberflöte

 

Tatsächlich erweist sich die Musik als der große Problemlöser der Erzählung. „Ich Narr vergaß der Zauberdinge!“ ruft der eben selbst noch lebensmüde Papageno, um sich von den Klängen seines Glockenspiels die Freundin herzaubern zu lassen, ohne die er es schlicht nicht mehr ausgehalten hätte. Taminos Flöte wiederum vertreibt nicht nur wilde Tiere, sondern führt das Liebespaar, das sich so lange verpasst hat, durch Wasser- und Feuerproben, für deren glücklichen Ausgang noch nicht mal Sarastro garantieren wollte. Und die drei Knaben, die Pamina in der schlimmsten Not zu Hilfe kommen, sind schlichtweg Musik gewordene Harmonie. Viel märchenhafter geht es nicht.

 

Papageno in der Schweriner Fassung der Zauberflöte

Was nun also? Derbe Posse? Märchen? Düsteres Kammerspiel? Jede der vielen hundert Inszenierungen der vergangenen 230 Jahre hat eine neue Antwort auf dieses Rätsel gesucht. Was ist unsere? „Gar keine!“, lacht Martin Mutschler. „Wir fragen einfach die Menschen selber. Unsere Zauberflöte wird für die Menschen und von den Menschen gemacht. Papageno erforscht stellvertretend für uns alle das Stück und trifft dabei auf verschiedenste Stimmen: Dirigenten, Sängerinnen und Sänger, langjährige Fans, das Publikum und ja, sogar auf ein großes Orchester auf der Bühne, also auf leibhaftige Musik.“

Die Musik! Sicherlich ein wichtiger Teil der Antwort, warum Die Zauberflöte immer noch auf Spielplänen zu finden ist. Diese Musik, die auf der Bühne Figuren das Leben rettet und im echten Leben vielen Zuhörerinnen und Zuhörern auch. In unserer neuen Schweriner Fassung rückt sie ins Zentrum einer sinnlichen Erfahrung, die sich unter Aufbietung aller Mittel, die das Theater zur Verfügung hat, ganz in die Tradition der Verwandlungsoper einreiht, als die das Werk seine Erfolgsgeschichte begann. Dabei entsteht ein farbiges Mosaik, das die bekannten Figuren und Motive weiterdenkt und so nicht nur Die Zauberflöte ist, sondern zugleich eine liebevolle Hommage an dieses düstere Märchen, diese heitere Posse.

„Der Wiedehopf, der Wiedehopf verliert den Kopf samt Fiederschopf“, lässt Bodo Wartke den Vogelfänger singen. In unserer Zauberflöte wird Papageno weniger brutal – und fängt am Ende hoffentlich nicht nur Vögel, sondern ein paar Antworten auf unsere drängenden Fragen ein.

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